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Die Grenzen des Hedonismus

for the newspaper Jungle World in Germany concerning the Athenian subcultures

Zwischen Krise und kreativem Eskapismus. Die Techno- und Elektroszene in Athen.

 

Mitte der neunziger Jahre erreichte die Rave-Kultur, die sich in England und andernorts schon früher etabliert hatte, auch Athen. Lange dominierte die neue Subkultur, the new genere, wie sie auch genannt wurde, das Nachtleben der Hauptstadt. Als Teil dieser Generation, zu der ich gehöre, lässt sich leicht von einem großen Einfluss, vergleichbar mit HipHop und der Graffiti-Szene, sprechen. Es ist vielleicht überflüssig zu erwähnen, dass wir unsere Jugend hier zu Jungle und Breakbeat tanzend und in die Plattenläden pilgernd verbrachten. Dabei entwickelten wir auch eine neue Sicht auf das Stadtleben und verstanden recht schnell, dass der städtische Raum ziemlich kompatibel mit der neuen Szene war. In Athen gab es schon lange ein Bedürfnis nach kreativem Eskapismus. Das erklärt wohl den Schwung der ersten Jahre.

(Foto: © Sandy Sigala)

Der nächste Schritt war die Entstehung einer freien Partyszene mit Hunderten von Leuten, die nicht nur an den verschiedenen Events teilnahmen, sondern auch an deren Organisation beteiligt waren. Im Unterschied zu England war die griechische Szene aber nicht so stark mit der des politischen Aktivismus verbunden. Radikal war trotzdem, dass es viele kostenlose Partys gab, in und um Athen. In den zwei Bergen, die die Stadt umgeben, Parnitha und Pedeli, fanden jedes Wochenende illegale Raves statt. Das fand erst mit dem Beginn der Polizeirepression und den Verhaftungen ein Ende. Doch dann ging es an anderen Orten weiter. Univer­sitätsgelände und leerstehende Gebäude ersetzten die Natur. Damit war die städtische Kultur wieder zu Hause angekommen. Bereits in den neunziger Jahren entstanden eine Handvoll Labels aus dieser Rave-Szene, wie zum Beispiel N-drop, und auch heute entstehen immer wieder neue alternative Labels. Doch viele Raver wurden damals im Zusammenhang mit Drogen verhaftet. Das war gewissermaßen der Anfang vom Ende. Gleichzeitig merkten einige Clubbesitzer, wie mit der freien Partyszene gute Geschäfte zu machen waren. Neue Clubs und eine Veränderung des Rauschverhaltens machten die Rebellion zum Lifestyle, mit hohen Eintrittspreisen und Wasted-youth-Attitude. Auch ein neues Musikgenre ersetzte den widerspenstigeren Jungle und Breakbeat: Das neue hippiemäßige Peace-&-Love-Produkt hieß Psychedelic Trance.

Clubs, die in den neunziger Jahren erfolgreich waren, wie Alsos, +soda und viele andere, gibt es aber heute nicht mehr, einige haben freiwillig zugemacht, andere wurden von der Polizei geschlossen. Die Szene wurde für eine Weile heimatlos, und musste sich wieder einmal abseits der Clubs orientieren. Wieder gab es verschiedene Projekte in Universitäten und leerstehenden Gebäuden. Wichtig war auch die Videoszene, mit Künstlern wie ION, Coti K und Stereo Nova – das vielleicht wichtigste Musikprojekt, das elektronische Beats und urbane Poesie kombinierte. Vom Jahr 2000 an entstanden verschiedene neue Festivals, Partys, experimentelle Kunstprojekte und Läden wie zum Beispiel das Bios, die Astron Bar und später dann das Six Dogs, die ein neues Kapitel in der Geschichte des Athener Nachtlebens bedeuteten.

(Foto: © Sandy Sigala)

Diese vielversprechende neue Bewegung hat durch die gegenwärtige Krise, die das künstlerische Leben in der Stadt wie alle anderen Lebensbereiche stark getroffen hat, ihren eigenen Bruch erlitten. Man könnte sagen, dass sich durch die Krise eine antihedonistische Lebenswirklichkeit etabliert hat. Nur eine kleine Minderheit kann sich heute noch leisten, Teil der Clubszene zu sein. Diese ist entsprechend kleiner geworden, viele können sich in ihrer ohnehin prekären Lage die Eintritts- und Getränkepreise nicht mehr leisten. Die wenigen Läden, die es noch gibt, befinden sich hauptsächlich in den zentralen Vierteln Psiri, Exarchia und Monastiraki. Eine sehr inspirierende Referenz bleibt dabei die Astron Bar in Psiri. Obwohl es nur eine winzige Bar ist, ist sie zum wichtigsten Anlaufpunkt für die gegenwärtige Techno-Familie geworden. Jede Woche gibt es hier Partys mit mehr oder weniger bekannten DJs. Das Bios ist ein großer Laden mit einem wunderbaren Balkon mit Blick auf die Akropolis, in dem viele Kunstperformances und Partys stattfinden. Ähnlich wie auch im Six Dogs in der Avramiotou Straße. Die Partys, die außerhalb der kommerziellen Orte stattfinden, sind oft verbunden mit den gegenwärtigen Entwicklungen in der politischen Szene, vor allem im anarchistischen Umfeld. In den Universitäten, vor allem in der Kunsthochschule, werden die Partys von selbstorganisierten Soundsystems organisiert und bieten eine Alternative zur teureren Clubszene im Zentrum der Stadt. Hier gibt es meist Drum’n’Bass, Breakcore, Dub­step, Trance und Techno zu hören. Die Protestbewegung, die im Dezember 2008 begann, war wichtig für diese alternative Partyszene. Selbstorganisierte Strukturen und besetzte Räume wie die autonomen Parks in Exarchia haben auch die Entstehung einer alternativen Elektro-Szene gefördert. Es gibt nun neue gegenkulturelle Entwicklungen, die traditionelle Formen aus der insurrektionistischen Szene teilweise ersetzen. Punk und HipHop sind nicht mehr so dominant. Dubstep hat sich schnell etabliert, besonders von 2009 bis 2011 war der Wobble Bass in der ganzen Stadt zu hören. Die Zukunft ist un­sicher. Krise, Verarmung und Repression bestimmen den Alltag vieler Menschen. Da ist wenig Raum für Hedonismus. Und die soziale Lage bleibt gespannt. Die Subkultur ist stark betroffen von dieser Entwicklung, aber es existiert weiterhin eine Gegenbewegung zum Mainstream, die eigene Strukturen und solidarische Zusammenhänge aufbaut.

Auf dem Blog si-blog.net schreibt der Autor regelmäßig über elektronische Musik, unter anderem über Events und Partys in Athen.

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