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Brief an einen jungen Antisemiten

source: redaktion 0151

Im Februar 2014 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift 0151*, herausgegeben von einem Zusammenschluss einiger Antifa-Gruppen (inklusive „Antifa Negative“) und Einzelpersonen. Hier eine Übersetzung der Zeitschriftenkolumne „Kaffeesatz“. Zum Verständnis wurden dem Originaltext Fußnoten hinzugefügt.
*0151 ist der Name eines ehemaligen jüdischen Stadtteils von Thessaloniki, in dem 1931 die Bewohner einen Überfall von 500 Faschisten/Antisemiten erfolgreich abwehrten und sie in die Flucht schlagen konnten. Es war eine der größten antifaschistischen Aktionen der damaligen Zeit.
Kaffeesatz

Brief an einen jungen Antisemiten

Benutze überall und immer dort, wo es Dir passt, das Wort „Holocaust“. Z. B. „Holocaust“ bei der Beschäftigung (bezüglich eines arbeiterfeindlichen Gesetzes), „Holocaust“ in der Fabrik x (bezüglich der dort stattgefundenen Entlassungen), „Holocaust“ im öffentlichen Sektor (bezüglich der Gehaltskürzungen), „Holocaust“ bei öffentlichen Verkehrsmitteln (bezüglich der Fahrpreiserhöhungen) usw., um nur einige der vielen Möglichkeiten zu erwähnen. Wenn das Wort gar im Titel vorkommt, wirkt der Artikel bedeutsamer. Falls nun der Leser zu verstehen beginnt, dass der Holocaust so was Ähnliches wie Entlassungen oder drastische Gehaltskürzungen usw. war, kann dies nicht Dein Problem sein.
Es ist selbstverständlich, dass Du immer und überall bekundest, dass Du kein Antisemit bist. Ähnlich etwa der Situation, in der alle erzählen, dass die Griechen keine Rassisten sind.
Benutze das Wort „Juden“ nicht nur, wenn Du gegen Israel vorgehst, sondern auch umgekehrt, wenn Du die katastrophalen Folgen des Memorandums oder der Weltverschwörung gegen das heroische griechische Volk in der Opferrolle plastisch darstellen willst. Das Mindeste, was Du machen kannst, wäre, Dein Volk als „die Juden von heute“ zu bezeichnen. So was kommt immer gut an.
Wenn Du gezwungen bist, Deine Solidarität gegenüber einem von der „Goldenen Morgenröte“ (GM), also von Neonazis verfolgten Juden auszudrücken, dann vergewissere Dich zuerst, dass er Antizionist ist – und danach kannst Du Deine Pflicht tun. Eine Unterstützung z.B. des Vorsitzenden des Zentralrates der Israeliten in Griechenland (KIS) wäre unangebracht, da er niemals eine Kritik gegenüber Israel geäußert hat.
Generell empfehlen wir Dir, Sympathien gegenüber Juden zu zeigen, insbesondere wenn sie bereits tot sind. Somit umgehst Du eventuell negative Überraschungen und erfüllst gleichzeitig Deine humanistische Pflicht.
Von den lebenden Juden solltest Du stets verlangen, dass sie sich zu jedem Ereignis im Nahen Osten positionieren (unter uns: es ist egal, ob sie sich positionieren oder nicht, entscheidend ist, dass sie sich gegen Israel positionieren). Dieser Forderung kann durchaus bezüglich der Flüchtlingslager (die Du stets Konzentrationslager nennen solltest – Du weißt warum), bezüglich der rassistischen Aufstände der lokalen griechischen Kollektive (mit oder ohne die GM als Stütze), der Jagd auf Flüchtlinge/Migranten usw. erweitert werden. Denn aufgrund der reichhaltigen Erfahrung, die die Juden während ihrer langen Verfolgung gesammelt haben, sind sie verpflichtet, ständig Position zu solchen Geschehnissen zu beziehen.

Wenn Du Fußballbegeisterter bist und den Drang spürst, bei einem Spiel einer griechischen Mannschaft gegen Makkabi gegen die Verbrechen Israels zu protestieren, dann bekunde erst einmal, dass Du kein Antisemit bist – und danach kannst Du sagen, was dir einfällt.
Für diejenigen Personen, die sich an „ Grekoarbeitern“ berauschen, sowohl nach der marxistischen als auch nach der anarchistischen Variante (Arbeiterklasse, Volksküche, Klassenbewusstsein, Volksbasar usw.), ist es erforderlich, dass sie unbedingt die Schriften von Abraham Benaroja1 über der Arbeiterbewegung in Griechenland meiden. Nicht nur weil er ein Jude, sondern auch noch Bulgare war. Außerdem sind es viel zu viele Bände. Dass Abraham Benaroja sich mit der Federation (revolutionäre Organisation, Vorläufer der KPG), mit jemandem namens Giounas (ebenfalls Jude, Führer der Tabakarbeitergewerkschaft) zu schaffen machte und die SEKE, die spätere KPG gründete, entlastet ihn weder von seiner Schuld noch von seiner Herkunft. Abgesehen davon war er ein Opportunist/Reformist (dies muss auch betont werden, damit ein revolutionärer Anstrich seiner Abwertung vergrößert). Im besten Fall kann man einen Gewerkschaftssitzungssaal2 nach ihm benennen. Das ist mehr als genug.
Wenn Du eine Vorliebe für anarchistisches oder antiautoritäres Gebaren hast, täglich oder am Wochenende, solltest Du Dich bei Ereignissen wie z.B. einem Schulbusanschlag in Tel Aviv oder einem Raketeneinschlag auf ein bewohntes Gebiet in Israel neutral verhalten. Zur Not ignoriere es. Wenn dies nicht möglich ist, dann solltest Du von Deiner felsenfesten Gegnerschaft zu allen Staaten und Machtstrukturen usw. sprechen, es ist ein guter Ausweg. Es lohnt sich dabei zu betonen, dass ähnliche Ereignisse einen guten Anlass für verschiedene Gruppen und Personen bieten, um gegen den Islam, gegen Fundamentalisten usw. vorzugehen. Somit können solche Ereignisse eine gute – und aus ethischen Gründen astreine – Gelegenheit sein, um gegen „die Araber“, „die Muslime“ usw. ins Feld zu ziehen.
Wenn all das schwierig oder mühselig für Dich ist, gibt es natürlich auch die klassischen Möglichkeiten der Artikulation und des Protestes: Eine Demo z. B. gegen die israelische Botschaft, eine Analyse der jüdische Weltverschwörung (Soros, Rotschild usw.) gegen das griechische Volk, eine Aufdeckung der Machenschaften im Bereich der Unterhaltung (Hollywood) oder der internationalen Massenmedien, die von der jüdischen Lobby kontrolliert werden usw. Wenn Du der Meinung bist, dass all das zu abgekaut und leicht zu widerlegen ist, tue es dann indirekt, indem Du über den Weltkapitalismus, über den amerikanischen Imperialismus, über das Finanzkapital, über Lehman und seine Gebrüder usw. redest. Du darfst dabei natürlich nicht die Wall Street vergessen! Der Charme in dem Fall ist, dass Du in keinster Weise gezwungen bist, das Wort „Juden“ zu erwähnen. Der griechische Leser besitzt die politische Reife und den Durchblick, um zu verstehen, was Du meinst.
Insbesondere, wenn Du Kader einer linker Partei bist, hast Du die Pflicht, die Einladung von KIS zum jährlichen Holocaust-Gedenktag zu boykottieren, falls auch noch der israelische Botschafter eingeladen wird, um somit gegen die Verbrechen Israels an den Palästinensern zu protestieren. Mit äußerster Beharrlichkeit solltest Du die Ausladung des israelischen Botschafters verlangen, ansonsten bleibst Du der Gedenkveranstaltung fern. Wo kämen wir denn hin, wenn Juden selber über ihre Gedenktage bestimmen.
Wenn Du Dich nun im akademischen Milieu bewegst und eine diesbezügliche Karriere anstrebst, empfehlen wir Dir, eine Doktorarbeit über die Deportation und Vernichtung der Juden von Thessaloniki zu verfassen. Dank der konsequenten und mühsamen Anstrengungen der deutschen und der sie unterstützenden christlichen Griechen gibt es zahlreiches Material, es ist sehr leicht. Wenn Du sogar detailliert auflistest, wie die Juden durch ihre christlichen Mitbürger massenhaft gerettet wurden, hast du es geschafft! Achte aber auf die Regeln der Mathematik: In einem ähnlichen öffentlichen Diskurs (Wehrmachtsaustellung, d. Ü.) in Deutschland kam heraus, dass die Anzahl der von den Deutschen (nach eigenen Bekundungen) geretteten Juden höher als die der ermordeten betrug. Daher solltest Du unbedingt berücksichtigen, dass hiesige bösen Zungen (z.B. KIS) von etwa 92% ermordeter Juden sprechen. Falls also Dank Deiner wissenschaftlich fundierten Analysen und Untersuchungen eine Anzahl von über 8% der durch die christlichen Griechen geretteten Juden herauskommt, musst Du dann folgerichtig den Prozentanteil der ermordeten Juden verringern. Somit rettest du auch etwas, seien es auch nur die Regeln der Mathematik.

Wie wir eingangs sagten, empfehlen wir Dir auch, Deine Arbeit auf die toten Juden zu beschränken und nicht auf die lebenden und überlebenden auszuweiten. Noch wichtiger ist es, dass Du Dich auf gar keinen Fall mit deren Entschädigung, mit der Arisierung ihrer Geschäfte und Häuser, mit der Rolle der christlichen Griechen bezüglich der Plünderung von jüdischem Hab und Gut, mit der Haltung des Schweigens der Linken damals während der Deportation, mit den jüdischen Grabsteinen/Platten, die heute noch zahlreiche Gebäude, Häuser und Treppen schmücken, beschäftigst. Und vor allem kein Wort über die „Aristoteles Universität von Thessaloniki“3. Aber Du solltest auch kein Wort verlieren über aktuelle Ereignisse, wie die Schändung des Holocaustmahnmals vor einigen Jahren oder die Verschmutzung von Synagogenwänden mit revolutionären Parolen oder die nächtlichen “Besuche” von jüdischen Friedhöfen oder den Plevris-Prozess4. In den Fußnoten solltest Du über Israel weder was Positives noch was Neutrales erwähnen, damit Deine innovative Studie keinen Fleck abbekommt. Alles andere ist erlaubt und bekommt mehr Gewicht, wenn es von akademischen Symposien, wissenschaftlichen Untersuchungen usw. begleitet wird. Wenn Du diese Regeln einhältst, ist Deine akademische Karriere so gut wie sicher.
Wenn Du eine Leseratte bist, bleib Deinen bisherigen Vorlieben treu und lass dich nicht auf Erzählungen von (Holocaust) Überlebenden ein, auch nicht von historischen, philosophischen, empirischen usw., Schriften, die sich mit der Shoah beschäftigen. So eine Beschäftigung ist schädlich. Insbesondere solltest du Primo Levi, Jean Amery, Jean Paul Sartre, Adorno und viele andere (die wir nicht weiter hier auflisten) vermeiden. Dein bereits erlangtes Wissen aus Gesprächen und Zeitschriften (vor allem wenn Fotos, seien sie auch nur schwarz-weiß, aus Dachau und Auschwitz zu sehen sind) reichen vollkommen aus, um ein vollständiges und vor allem fundiertes Wissen des Geschehens zu haben. Mehr brauchst Du nicht: es macht Dir nur Sorgen und beinhaltet die Gefahr, dass Dein festes Ideologiefundament ins Schwanken gerät. Es besteht also die akute Gefahr, dass Du durcheinander kommst, was katastrophal wäre für Deine unmittelbar bevorstehende Revolution.
Falls Du mal auf eine Gruppe oder auf Personen triffst, die die Existenz Israels verteidigen oder gegen Antisemitismus und Antizionismus sind, gibt es zwei Möglichkeiten, um solchen Phänomenen entgegen zu treten: Die eine ist die allseits bekannte: sie als Agenten der (israelischen) Botschaft, als zionistische Provokateure usw. zu denunzieren. Weil diese Form zu langweilig geworden ist (nicht mal diejenigen, die so was, schreiben lesen es), empfehlen wir andere Methoden, wenn Du nicht vermeiden kannst, diese Personen oder Gruppen zu ignorieren. Z. B. eine schwerwiegende Analyse zu verfassen, in der Du deren einseitige, faschistoide, proimperialistische, proamerikanische Haltung anprangerst und sie in den Zeitungen und im Internet lancierst. Dabei solltest Du darauf achten, dass Du nur dann Erfolg hast, wenn Du gleichzeitig bekundest, dass Du Antifaschist oder Anarchist oder antiautoritär oder linksradikal usw. bist – ansonsten würden Dich die Leser mit der Goldenen Morgenröte wegen der Argumentationsgleichheit verwechseln. Wenn Du Dich gar Massenbewegungen anschließt, muss Du unbedingt die geringe Anzahl solcher Gruppen betonen. Damit beruhigst Du deine Fans, indem du zeigst dass sie keine Gefahr darstellen. Dabei kannst du auch Deine Aktivitäten und Deine Orden, die Du bei den Straßenschlachten gewonnen hast, aufzählen, im Gegensatz zu deren geringerer Aktivität. Somit wertest Du sie in den Augen Deiner Fans ab und schützt die Jüngeren vor dem verhängnisvollen Irrweg solchen Gruppen.
Bewaffnet mit diesen Empfehlungen, sind wir sicher, dass Du Deine Krise überwinden wirst, auch die ökonomische.
PS: ALLE hier erwähnten Fälle und „Empfehlungen“ entsprechen real stattgefundenen Ereignissen/Äußerungen, die wir den Massenmedien inklusive Internet entnommen haben.
November 2013

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